Marie in Amerika

Ich war in New York. Und Massachusetts. Und Boston. Und einer Boeing 747. Ich war in amerikanischen Klassenzimmern, in amerikanischen Autos und in amerikanischen Italienern zum Abendessen. Ich war im Central Park, einem New Yorker Taxi, einem Off-Broadway-Musical, sehr viel Englisch, etwas Spanisch, ein bisschen Mandarin und einer Spur Hindi – ich war auf Reisen.

Also, für die Chronik: im Herbst diesen Jahres habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen anderen Kontinent betreten, als ich mit einer kleinen Gruppe aus der Schule für eine Konferenz eines internationalen Schulenverbundes in USA flog. Das klingt nach langweiligen Besprechungen, öden Vorstellungen und Repräsentationszwängen, aber tatsächlich war es ziemlich lustig, bereichernd, spannend, urlaubig und freundefindend. Denn zuerst waren wir gemeinsam mit den anderen Gastschülern zweieinhalb Tage in New York und haben die Stadt unsicher gemacht – wobei; vielleicht war es auch anders herum. Aber weil mein Kreislauf ein kleines Jetlagopfer ist (leider habe ich diese Zeitform bewusst gewäht), und New York eine Stadt von nie da gewesenen Dimensionen – zumindest für mich kleine Europäerin aus unseren Altstädten mit Höhenbeschränkung, wo die Kirchtürme aus dem Mittelalter immer noch die „Skyline“ (hahaha) beherrschen – deswegen lag die Stadt in unserer Beschnupperungsphase, die eher einem Zweikampf ähnelte, schon ein bisschen vorn.Aber weil New York aus koscheren Hot-Dog-Ständen, epilepsieerregenden Werbebildschirmen, melodischen Polizeisirenen, beschäftigt telefonierenden Geschäftsleuten, panisch jede Sekunde ihres Trips festhaltenden Touristen, schillernden Museen, noch schillernderen Musicals, sehr viel Willenskraft und jeder Sprache der Welt besteht – ein Mix der besser wirkt als jedes Riechsalz – war ich bald wieder da und erfüllt bis süchtig nach dieser ganz eigenen Fragrance.

Es erstaunt mich jedes Mal, wie Städte – die doch immer nur aus den gleichen Bausteinen Häuser, Menschen und ein bisschen Geschichte bestehen – eine solche Identität entwickeln können. Aber es scheint zu funktionieren, denn die zweite amerikanische Großstadt, Boston, in der ich nur zwar einen Abend verbrachte aber immerhin, unterschied sich von der ersten doch ganz gewaltig. Irgendwie war die Luft da anders, die ganzen Colleges und Universitys waren viel lauter im Atmen der Stadt, und die Häuser hatten als Kollektiv weniger das große Ganze der Geschichte aus den Augen verloren, vor der überwältigenden Größe des Moments, als mir das in New York der Fall zu sein schien.

Aber auch dieses eine Etwas, das ein Land von allen anderen unterscheidet, es in sich vereint und unverwechselbar macht, dieses Etwas ist in Falle Amerikas auch deutlicher heraus zu schmecken, als ich mir das gedacht hatte, wo doch Deutschland so voller amerikanischer Produkte und die USA so voller deutscher Immigranten ist.
Dieses Etwas jedenfalls hat für mich mit den Autos zu tun, die zumindest auf dem Land absolut überall und notwendig sind. Außerdem mit der Schule: das mit der High School, den Flaggen in jedem Zimmer, den bejubelten Sportteams mit individuellen Trikots und zahllosen Clubs, den Cafeteriamahlzeiten, wo nach dem Essen bis zum Tablet alles weggeschmissen werden kann und wird und den sonnengelben Schulbussen – das hat auch irgendwas damit zu tun.

 

 

 

Wir jedenfalls hatten viel Spaß beim Poetryworkshop, in diesem aufregend anderen Schulalltag und beim Musikprojekt, bei dem ich Hamilton, ein sehr amerikanisches Musical singen, rappen und feiern lernte.
Neben dieser Begeisterung werde ich auch einen Turnbeutel, zwei T-Shirts und eine Trinkflasche mit dem beeindruckenden Schulemblem, aus dem Rhymeworkshop sehr sehr viel übers Fühlen, Schreiben und Darstellen, dreißig neue Instagramfreunde, getrocknete Herbstblätter aus Wäldern, in denen früher Indianer gelebt haben und dieses Gefühl des Verständnisses aus einem langen Gespräch über alles mit einem Lehrer der Schule mitnehmen.
Ich war die Erste, die den Witz in dem Plakat von Pink Floyds „The Wall“ erkannt hat, das in seinem Klassenzimmer zwischen Karikaturen, Memes und Grafiken hing. Wer wird wohl der Erste sein, der die Astrid-Lindgren-Anspielung im Titel dieses Artikels erkennt?

Mit den Ohren reisen

Podcasts. Ich liebe Podcasts. Weil ich so gerne über spannende Sachen mehr erfahre. Weil ich nach einem Tag (oder auch nur mehreren Stunden) mit anderen Menschen und vielen sich bewegenden Dingen (dabei) gerne die Augen zu mache. Weil ich nicht gut einschlafen kann. Weil mir auf Auto-, Bus- und Zugfahrten beim Lesen schnell schlecht wird.  Weil es so viele tolle, spannende, lustige Sachen da draußen gibt – und sie sind alle gratis, offline verfügbar und unendlich!

Und weil sie eigentlich nur Blogs in einer anderen Disziplin sind.

Wenn man sich auf Besuch in die Podcastwelt macht, gibt es da sehr viele verschieden Eingänge in dieses sagenumwobene Reich voller unbekannter Reichtümer. Und weil man die Früchte, die an den Podcastbäumen wachsen, sonst nicht sehen könnte, bekommt man an jedem Eingangsgatter eine Brille aufgesetzt. Diese unterscheiden sich ziemlich und die meisten Menschen kommen immer wieder an ihrem Gatter an, weil sie sich mit der jeweiligen Art zu sehen angefreundet haben und empfehlen auch ihr Gatter ihren Freunden weiter. (Denen, die sie nicht mögen meistens nicht. Oder nur, wenn ihnen die Brille ständig von der Nase gerutscht ist und sie diesen ganzen Bäumequatsch total albern fanden. Dann kommen sie meistens auch nicht mehr wieder, oder zu einem anderen Eingang.) Aber tatsächlich funktionieren die allermeisten Brillen sehr gut und wenn man mit seiner zurecht kommt, was am Anfang manchmal etwas dauern kann, muss man sie auch nicht mehr abgeben.

Meine funktioniert mit einem Dekodierungssystem namens Podcatcher/Feed-Aggregator/Podcasting-Client und sieht aus wie eine App und eigentlich ist das auch alles was zählt. Mir steht dieses Modell ganz gut, besser als eine Website oder ein iTunes, aber jedem das seine, da bin ich sehr tolerant.

An den meisten Gattern werden auch Körbe ausgeteilt, damit man Früchte pflücken und mitnehmen kann. Und Landkarten, damit man Bäume, deren Früchte einem gut geschmeckt haben, wieder finden kann, wenn man sein ganzes Obst aufgegessen hat.

Und so zählt ein Ausflug in die Podcastwelt mittlerweile zu meinem mittelbaren und das Verzehren von Podcastbaumfrüchten zu meinem unmittelbaren Alltag. Und weil auf den meisten Landkarten direkt am Anfang noch gar keine Bäume stehen, beziehungsweise nichts über den Geschmack ihrer Früchte, gebe ich allen Reiselustigen hier mal ein paar meiner markanten Punkte in der Landschaft mit. Und weil man auf dem Weg zum einen ja oft ganz viele andere kennen lernt, kann man sich so schnell eine kleine Infrastruktur aufbauen, mit lauter wunderbarem Obst.

Also liste ich sie mal auf, versuche ihre Geschmacksrichtung kurz darzustellen und sie ein wenig nach Arten zu sortieren.Der Einschlafen-Podcast – Tobi redet über Dinge die gerade so spannend sind, dass man abgelenkt wird, aber noch nicht zu spannend um sie nicht zu ende zu hören müssen.

Die kleine schwarze Chaospraxis – Ninia LaGrande und Denise M’Baye reden und lachen. Über alles mögliche.

Popradar – Ninia LaGrande und Leonie Warnke reden über Popkulturelles, Klatsch und Tratsch.

Feuer & Brot – Alice und Maxi reden über Gesellschaftliches wie Frauen in der Politik, Bodypositivity oder andere Podcasts.

Talk ohne Gast – Moritz Neumeier und Till Reiners reden immer ohne den Gast über ihn und dann sehr schnell über alles mögliche.

Undduso – Denise M’Baye redet mit Schauspielern über deren andere Berufe und Passionen.

A mindful mess – Maddie Alizadeh von dariadaria.com spricht über Nachhaltigkeit, Verletzlichkeit und alles was sie sonst noch so bewegt.

Cockpitbuddy – Suk-Jae Kim redet übers Fliegen und warum man keine Angst davor haben muss.

Die Seriensprechstunde & Die Seriendialoge – Ulrike Klode redet mal mit Marco mal mit Experten über Serien. (Sehr spannend auch wenn man keine einzige Serie anschaut!)

Gute Arbeit Impro – Katjana Gerz, Lena Kupke, Stefan Titze und Florentin Will vom Sketch-Videoteam Gute Arbeit Originals improvisieren sich über Begriffe aus den Kommentaren in andere Welten.

Zeitzeugen im Gespräch – Rainer Burchard vom Deutschlandfunk redet mit (bekannten) Persönlichkeiten über Erfahrungen.

Eine Stunde Talk – Sven Preger von Deutschlandfunk Nova redet mit Menschen „die was zusagen haben“.

Hotel Matze – Matze Hielscher von Mit Vergnügen redet mit Künstlern, Unternehmern und Politikern.

Die Lage der Nation – Philipp Banse und Ulf Buermeyer reden über politische Geschehnisse und die Lage der Nation.

Deutschlandfunk Hintergrund – Kurze Reportagen über (meistens) sehr spannende Themen, vom Deutschlandfunk.

Eine Stunde History – Etwas längere Reportagen über historische Geschehnisse, Zusammenhänge und Mechanismen, von Deutschlandfunk Nova.

This American Life – Shows in englischer Sprache über sehr unterschiedliche Themen, von Chicago Public Media.

Hörsaal – Deutschlandfunk – Mitschnitte von Vorträgen spannder Forscher über spannende Themen, von Deutschlandfunk Nova.

generell alles von Deutschlandfunk, Deutschlandradio und Deutschlandfunk Nova – da sind so tolle Sachen dabei, die ich hier gar nicht alle aufschreiben könnte!

TED Talks – Wie könnte ich hier TED Talks nicht mit aufnehmen, dieses unglaublich breit gefächerte, große und mittlerweile auch bekannte Redenformat über alles alles mögliche.

 

Gute Reise! Und bring mir ein paar neue Entdeckungen mit!

Juni 2017 in Athen

Ein Montagmittag, Mitte Juni in Athen. Eine Gruppe deutscher Schülerinnen drängt sich mit einem Klassenkameraden, zwei Lehrern und einem griechischen französisch parlierenden Guide zwischen asiatischen Touristengruppen hin zum Ausgang der Akropolis.

Da fällt einigen ein, dass sie noch schnell auf Toilette müssen und Marie hat plötzlich eine Idee im Kopf, die sich, wie so viele Gedanken, nicht in Worte fassen lässt. Sie hatte auf jeden Fall etwas mit dem großen mediterannen Baum zu tun, der da stand, am Eisenzaun, zwischen dem Drehtor, den Toiletten und zwei Getränkeautomaten, die unter jeweils 50 verschieden Artikelnummern immer nur die gleiche Flasche Wasser anboten.
Und weil sich Marie in Bezug auf verrückte Ideen selten sträubt, ja, ihre Foto- oder Aquarellprojekte oder Texte oft in einem rauschartigen Zustand direkt von der Idee weg entstehen, parierte sie brav. Sie suchte also ein symmetrisch, unkaputtes Blatt aus, das da unter dem Baum herum lag, kramte ihre 5cm große Schere aus dem Rucksack, setzte sich auf den Steinboden, schnitzte ein Wort und eine Zahl in das Blatt und verbrachte den Rest des Tages damit, Fotos zu machen, in denen sie das Blatt vor irgendwelche schönen Motive hält.

Natürlich ist das nicht die ganze Geschichte, die fängt im Januar 2016 an, mit einem gestempelten Schriftzug und endet erst dutzende Stunden, Erlebnisse, Tage, Motive und Fotografien später, nein, dies hier sind nur die Basishandlungen. Aber ich möchte die Bilder selbst sprechen lassen. Sie erzählen nicht nur von einer Studienfahrt, von einem Sommer in einer neuen Stadt in einem fremden Land, sondern auch von mir und wie schönes in mir wohltuende Töne anschlägt. Wie sehr mir die pittoresken oder atemberaubenden oder sanften oder frohen Ecken Athens gefallen und gut getan haben.Die wirklich schwierige Aufgabe war es dann, die RICHTIGE unter all den Aufnahmen auszuwählen. Denn ich hatte die Bilder ja für einen Anlass gemacht, das Album. Ich habe sehr viel Zeit mit der diesmonatigen Ausgabe verbracht, wenn ich überlege, wie oft ich das Blatt, das perfekterweise genau in meine Handyhülle passte, herausbastelte und vor dem Motiv hin- und her schwenkte, um den besten Winkel zu finden. Außerdem war das Programm im Hintergrund beinahe durchgehend am laufen, ich lief durch Athen immer auf der Suche nach einem Motiv, vor dem ich das Blatt hin- und herschwenken konnte. Und wenn man dann noch die Stunde addiert, die ich verbrachte, immer weniger Favoriten in endlosen Slideshows zu vergleichen…
Irgendwann entschied ich mich für dieses hier, weil mir die Farbstimmung gefällt, die Komposition mit der Wolkenfront an der einen Seite, meiner Hand auf der anderen und weil es am Meer ist, wo es mir immer am besten gefallen hat. Ob eine Flaschenpost aus Athen wohl irgendwie hierr in der Nordsee oder Ostsee ankommen würde? Möglich wäre es und das ist alles was zählt.

 

Auf dem Dach

Man könnte es als Zufall abtun und einfach nicht weiter beachten, manchen würde es vielleicht nicht einmal auffallen. Oder man könnte voll die große Sache daraus machen, es als Aufhänger benutzen und Scherze reißen. Oder man könnte sagen, es sei wie beim Domino, hätte durchaus eine Bedeutung und vielleicht sogar eine Mitschuld an meiner langen Abwesenheit. Ja, diese Variante ist wahrscheinlich die populärste, bedenkt man die Länge dieser Pause sowie mein unvermitteltes Wiederauftauchen aus dem See des nichts. Read more „Auf dem Dach“

Oben ist auch hier unten

Ich war gerade oben. Auf dem Dachfirst. Ich habe den Schritt gewagt, heraus aus dem Zimmer, meiner Comfort Zone. Habe das Dachfenster geöffnet, mit der Mischung aus Mut, Bewusstsein des Wahnsinns aber auch dem Gefühl, dass das das einzig Richtige ist in meinem Blut. Ich stieg auf meinen Schreibtisch, stellte mich auf das Fensterbrett und streckte den Arm aus zu den Sprossen einen Meter neben mir.
Ich streckte mich, reckte mich der Freiheit entgegen und ergriff meine Chance. Ohne nachzudenken zog ich mich aufs Dach. Jetzt gab es kein zurück mehr. Vollkommen unbekanntes Terrain. Angst, Wunsch, Adrenalin. Und dannn war ich oben. Saß auf dem Dachfirst, neben mir der Schornstein.

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Ich will wieder hoch. Jetzt. Obwohl ich unglaubliche Angst hatte, unser Haus ist über zehn Meter hoch, das Dach steil. Die Dachziegel neben mir sind so rutschig, dass ich auch barfuß keinen Halt finden kann und der Wind weht mir ständig Haare ins Gesicht.
Doch dass ist besser als hier unten im Moment. Ich will raus, frische, neue, hoffnungsvolle Luft in der Nase und unvoreingenommene Freiheit im Gesicht spüren.
Denn es ist wieder einer dieser Momente, in denen mich die Dunkelheit hier unten zu verschlingen scheint. In denen diese Leere in meinem Herzen mich ganz verrückt macht. In denen ich mir die Ohren und Augen zuhalten will, denn alles um mir herum schreit: `DU BIST ALLEIN!´

Das ist nicht immer so, nein. Ich erlebe so viele Momente des Glücks, hier unten, in meinem Leben. So viele Augenblicke gefüllt mit Liebe und Freude. So viel Freundschaft und Geborgenheit, Gottes Hand unter mir wissend. Ich BIN nicht allein. Das weiß ich. Und die meiste Zeit fühle ich es auch, ist mir das bewusst.
Aber dann kommt wieder diese Dunkelheit und reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Es sind Flashbacks in eine Zeit, in der ich mehr Grund hatte, mich einsam zu fühlen. Und das Gefühl, dass ich meiner Vergangeheit nicht trauen kann. Dass nur der Moment zählt. Dass ich mich nicht ausruhen darf, nur das bin, was ich in dem Augenblick gerade geschafft habe und deshalb niemals stehen bleiben und Luft holen darf.

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Oben darf ich das. Ich bin außen vor, lasse mein Leben mit der Dunkelheit unten und atme tief durch. Ich bin einfach Marie. Die, die so gern mit dem Fahrrad durch die späte Nachmittagssonne fährt. Die, die so glücklich und froh und dankbar über diese Geschenke in ihrem Leben ist. Dieselbe Marie, die ich mit acht Jahrn war, als ich Kalle Blomkvist gespielt habe. Nur um viele Gedanken, Erfahrungen und Perspektiven reicher. Die Marie, die so stark war, Dunkles bekämpft und besiegt hat. Die Marie, die mir lachend aus dem Spiegel entgegen guckt. Weinend. Verzweifelt. Verschmitzt. Glücklich. Die Marie, die Gott vertraut, dass er sie nicht allein lässt. Die vergeben und loslassen kann. Der diese Dunkelheit nichts anhaben kann, auch wenn jetzt Herbst wird. Denn ich hole tief Luft, dort oben auf dem Dachfirst und merke, dass es diese luft auch hier unten gibt. Ich trage die wiedergewonnene Freiheit mit mir herunter und zünde ein Lagerfeuer an.

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Flaschenpost

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Flaschenpost. Eigentlich schicke ich eine Flaschenpost los, wenn ich hier einen Text schreibe. Ich hole meine schönsten Stifte heraus, schreibe in Schönschrift und mit Bedacht, denn – obgleich es bedeutungslos erscheinen mag – es ist mir wichtig. Sinnvoll, praktisch, notwendig oder logisch ist das ja allemal nicht, unadressierte Sachen einfach so in die Wellen des Internets zu werfen. Man tut es des bloßen Schreiben wegens. Oder des Fotografierns, Malens, Codens, Erschaffens. Der Freude wegen. Und weil es ja vielleicht doch jemand findet, sich freut oder zurückschreibt. Eine Flaschenpost umgibt etwas geheimnisvolles. Keiner weiß, was sie auf ihrem Weg erleben wird, erlebt oder erlebt hat, sie ist das einzige, das den Empfänger mit dem Verfasser verbindet, streift beide Parteien und versiegelt deren Verbindung. Flaschenpost.

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Das Meer hat es nicht nötig, mit Blinklichtern und Neoneffekte auf sich aufmerksam zu machen, es weiß um seine atemberaubende Ausstrahlung. Und so verwandelt es sich, mit seinem Kompagnon dem Abendhimmel in einer einzigartigen langsamen Bedächtigkeit, die zeigt, dass es um seine Mächtigkeit Bescheid weiß. Es leuchtet von ganz allein, aus reinster Schönheit.

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Diese Flaschenpost schicke ich aus La Rochelle auf ihre Reise. Kurz nach Sonnenuntergang werfe ich sie ins tiefblaue Wasser des alten Hafenbeckens, neben die glitzernden Spiegelungen der Straßenlaternen und den Lichtern der Cafés an der Hafenpromenade, zwischen die kleinen Segelboote und Ausflugsschiffe. Von doort wird sie aus dem Hafen, zwischen den beiden alten Türmen hindurch aufs offene Meer getrieben. In die FReiheit des Atlantiks.

Februarnächte

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Siebter. Empfindet man nachts anders?

Nächten fehlt naturgemäß das – natürliche – Licht, welches ja,

wie auch immer und sicher auf diversen Wegen, uns glücklich zu machen in der Lage zu sein scheint.

Doch nachts fühlt man nicht nur negativer, oder? Oder ist das die Müdigkeit?

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Zwölfter.

Nächte können einsam sein.

Unglaublich einsam, unfassbar unbarmherzig.

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Neunundzwanzigster. Sie ist raus.

Aus der Bahn geworfen von irgend einem kleinen, vorbei rasenden Kometen aus lauter Nichtigkeit,

der aber ihren Wall zerstört hat.

Diese mühsam errichtete Schutzmauer aus Ritualen, Gefiltertem, Gebeten, Geplantem und Plänen,

die dennoch so instabil ist.

Winternächte

 Es war der Vierundzwanzigste. Abends.

Alle – zumindest alle, von denen sie wusste – lagen bereits schlafend im Bett. Der Tag ging auf sein Ende zu, und so verhielt er sich auch.

In sich gekehrt und mit sich, der Welt und seinem Schaffen im Reinen, zog er sich langsam und kaum merklich zurück,

um die Menschen – wie die Tiere, Pflanzen, das Meer und das Salz in der Luft – behutsam auf seinen baldigen Abschied vorzubereiten.

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Fünfundzwanzigster. Abends.

Sie flogen mit hundertdreißig zu euphorischem David Garrett ihrem Ziel entgegen.

Der Himmel stand in Flammen.

Alle jemals dagewesenen Schattierungen der Farben zwischen dem Knallorange des sich so dramatisch verabschiedenden Sonnenballs

bis zum Pastellrosa der Federwölkchen, dem goldstichigen Türkis des dazwischen neckisch aufblitzenden Himmels

und dem majestätisch alles Vereinnahmenden tiefen Königsblau bekamen ihren Auftritt im beinah einstündigen Spektakel.

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Einunddreißigster / Erster.

Es ist spät und sie versteht langsam, WARUM man so etwas wie Schlafen in der Nacht erfunden hat.

Sie war ganz froh, jetzt, mit ihren kleinen Geschwistern um sich, im Bett zu liegen.

Das Besondere dieser Nacht liegt wohl darin, dass sich alle in ihren so unterschiedlichen Gewohnheiten und völlig verschiedener … nun,

Leben – plötzlich in einem Abend und in einer Handlung kreuzen, überschneiden, sich verbindend vereinen.

Aber nicht verbindlich, oh nein, ebenso wenig wie die zahlreichen guten Vorsätze,

die schon am zweiten Januar viel von ihrer Imposantheit eingebüßt haben werden müssen.

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Gestreift

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Ein fremdes Leben gestreift. Nur einen Moment. Ein Blick in der Bahn, der andere saß gegenüber, zwischen euch der Gang, vollgestopft mit zwei Fahrrädern, einem Koffer, einer Mutter und ihrem kleinen Kind. Plötzlich fängt das Kind an zu lachen, ihr schaut auf, schaut euch an und müsst lächeln.

Ein Leben gestreift. Ihr werdet euch nie wieder sehen. Habt keine Ahnung wie der andere so ist, ob er auch so viel über sein Leben nachdenkt wie ihr, ob er eher so der Morgendstimmunggenießenfrühstück amMeertyp oder der SonnenuntergangsnachtgenießengehtsnocheinbisschenschrägerTyp ist. Ihr wisst nicht, ob er sich früher immer einen kleinen Bruder gewünscht hat aber Einzelkind blieb, oder ob er immer von seiner großen Schwester geärgert und von der Kleinen genervt wurde. Das alles werdet ihr nie wissen. Aber er hat euer Leben gestreift. Und ihr seins.

Als was werdet ihr auf seiner Seite in die Erinnerung eingehen? Als der Lächelkumpan, der einem das erste Mal seit langem nicht vertreten verlegen bemitleidend anschaut, weil seine Freundin diesen Krebs. Hatte. Oder wird er sich nur an eure neue Tasche erinnern, auf die ihr selber auch ganz schön stolz seid?

Ihr habt Leben gestreift. Ihr gehört zu diesem Moment, diesem Moment den ihr jetzt teilt.

 

Puuuh, was will die Olle denn jetzt damit sagen? Gute Frage, stellt sie sich auch gerade. Vielleicht, dass man im Moment leben sollte? Dass einen irgendwie alles prägt, aber man selbst entscheiden kann in welchem Sinne? Dass sie Katzen cool lässig elegant selbstbestimmt niedlich toll findet und die ganze Melancholie in dem Text drunter daher rührt, dass sie wegen ner Katzenhaarallergie wohl nie eine Katze haben wird? Tja, wie auch immer, hey! Ich hoffe wir ’sehn‘ uns wieder öfter in nächster Zeit.

ein. halbes. jahr.

Heute vor genau sechs Monaten hat für mich ein Lebensabschnitt aufgehört. Klingt irgendwie hart, dafür dass ich erst vierzehn bin aber so ist es nun mal. Natürlich habe ich ’ne Menge mitgenommen aus diesem Kapitel – immerhin war es mein erstes! – , Erfahrungen, Erinnerungen und Freunde.

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Heute vor genau sechs Monaten saß ich mit meiner Schwester im ICE von Stuttgart nach Hamburg. Wir hatten uns gerade am Ludwigsburger Hauptbahnhof verabschiedet, in der Regionalbahn habe ich mit meinem heftigen Schluchzen ein kleines Kind traumatisiert, seine Mutter hätte uns wohl am liebsten in den Arm genommen. Nun saßen wir da im ICE, zum ersten Mal in der 1. Klasse, und ich hatte das Gefühl im Nichts zu schweben. Von meinem alten Zuhause hatte mich mich verabschiedet, das Neue kannte ich noch nicht und ich wusste auch noch nicht, ob es jemals eine Heimat für mich sein könnte.

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Die gesamten Weihnachtsferien befand ich mich in so einer merkwürdigen Zwischenphase, ich gestaltete mein Zimmer, lernte ein paar Ostseeküstendörfchen und mit ihnen völlig verschiedene Seiten der Ostsee kennen, und definierte mein „Zuhause“ neu. Aber ständig saß mir diese Ungewissheit namens ‚Die NEUE SCHULE!!!‘  im Nacken. Keine Angst, aber Nervosität, Aufregung.

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Naja, und dann kam der erste Schultag, der 7. Januar, und zusammen mit Amelie und Elias und meinen Eltern wartete ich zur zweiten Stunde im Sekretariat. Nachdem Amy und Elias schon von ihren Lehrern abgeholt worden waren, kam dann auch Frau P. – wir nennen und ich schlängelte mich hinter ihr durch die Schülermengen bis zum Geografieraum, der für mich zu dem Zeitpunkt aber noch ein Erdkunderaum war…

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Und dann stand ich da vorne vor der Klasse und – nein, es haben mich nicht alle angeschaut. Hey, erster Schultag nach den Ferien, was erwartet ihr! Ich habe dann wohl irgendwas gesagt wie, ‚Ich bin die Marie. Komme aus dem Süden. Und jetzt wohne ich im Nachbardorf/Kleinstadt/Ort/Ansammlung-alter-hanseatischer-Villen/Hier-Namen-Einfügen.‘ Alle lachten, spätestens jetzt hatten mich auch alle bemerkt. Als ich dann neben R. – klar steht das für Radiesschen, was dachtest du denn?! – saß, beruhigte sie mich erstmal, außer mir würde noch eine andere Schülerin im oben erwähnten B.wohnen, sie sei allerdings von dem kleinen Ort nicht so übermäßig angetan, was sie wohl in der Klasse ein- bis zwei Mal hatte verlauten lassen, und deswegen fänden das alle so amüsant, dass die Neue ausgerechnet dort wohne.

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Okay, ich hatte die Klasse ja in den Herbstferien schon kurz kennen gelernt, und deswegen hing für mich an diesen ersten Minuten gar nicht so viel. Die Begrüßung hat mich da viel mehr irritiert. Stellt euch vor, ihr sitzt nichts ahnend da und plötzlich stimmt die ganze Klasse ein ‚Aaaineen wunderschönen guten Morgen FrauP.moin! an! Ich muss zugeben, mehr weiß ich gar nicht mehr über meinen dritten ersten Schultag. (Na, wer weiß welcher der erste und welcher der zweite war? Ja, du da hinten in der Ecke! Rrichtig, Grundschule – September 2006 – und Goethe-Gymnasium – September 2010. )

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Am Anfang wars es echt sehr anstrengend. Man – oder zumindest ich;) – stand ständig unter Hochspannung. Jeden Tag ist irgendetwas Neues passiert; das erste Mal im Chor, alleine morgens fremde Bahnen suchen, bei Raumänderung musste ich mehrmals ein paar kleine Unterstüfler fragen wo ich hin muss, hat denen auch gefallen endlich mal von den Großen nicht nur böse, genervt oder herabschauend behandelt zu werden…

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Ich finde, es war ein gutes Jahr. Unglaublich erlebnisreich – mein erstes Praktikum, das ich etwas notgedrungen in einem Hotel gemacht habe, ein tolles Wochende mit süddeutschem Besuch, eine Chorfahrt nach England, Osterferien in Dänemark, BUJU- Festival in Erfurt, und noch ne ganze Menge mehr. Und es waren auch nicht nur die großen Events die mich verändert haben.

Und ich bin dankbar dafür, was schon alles passiert ist. Ich bin dankbar für meine Familie, dankbar für alle die immer noch Kontakt zu mir haben wollen obwohl ich mich so feige aus dem Staub gemacht habe, und dankbar für die, die mich hier so offen aufgenommen haben. Und ich freue mich auf alles was noch kommt! Auf ’ne ganze Menge weiterer halber Jahre!