Marie in Amerika

Ich war in New York. Und Massachusetts. Und Boston. Und einer Boeing 747. Ich war in amerikanischen Klassenzimmern, in amerikanischen Autos und in amerikanischen Italienern zum Abendessen. Ich war im Central Park, einem New Yorker Taxi, einem Off-Broadway-Musical, sehr viel Englisch, etwas Spanisch, ein bisschen Mandarin und einer Spur Hindi – ich war auf Reisen.

Also, für die Chronik: im Herbst diesen Jahres habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen anderen Kontinent betreten, als ich mit einer kleinen Gruppe aus der Schule für eine Konferenz eines internationalen Schulenverbundes in USA flog. Das klingt nach langweiligen Besprechungen, öden Vorstellungen und Repräsentationszwängen, aber tatsächlich war es ziemlich lustig, bereichernd, spannend, urlaubig und freundefindend. Denn zuerst waren wir gemeinsam mit den anderen Gastschülern zweieinhalb Tage in New York und haben die Stadt unsicher gemacht – wobei; vielleicht war es auch anders herum. Aber weil mein Kreislauf ein kleines Jetlagopfer ist (leider habe ich diese Zeitform bewusst gewäht), und New York eine Stadt von nie da gewesenen Dimensionen – zumindest für mich kleine Europäerin aus unseren Altstädten mit Höhenbeschränkung, wo die Kirchtürme aus dem Mittelalter immer noch die „Skyline“ (hahaha) beherrschen – deswegen lag die Stadt in unserer Beschnupperungsphase, die eher einem Zweikampf ähnelte, schon ein bisschen vorn.Aber weil New York aus koscheren Hot-Dog-Ständen, epilepsieerregenden Werbebildschirmen, melodischen Polizeisirenen, beschäftigt telefonierenden Geschäftsleuten, panisch jede Sekunde ihres Trips festhaltenden Touristen, schillernden Museen, noch schillernderen Musicals, sehr viel Willenskraft und jeder Sprache der Welt besteht – ein Mix der besser wirkt als jedes Riechsalz – war ich bald wieder da und erfüllt bis süchtig nach dieser ganz eigenen Fragrance.

Es erstaunt mich jedes Mal, wie Städte – die doch immer nur aus den gleichen Bausteinen Häuser, Menschen und ein bisschen Geschichte bestehen – eine solche Identität entwickeln können. Aber es scheint zu funktionieren, denn die zweite amerikanische Großstadt, Boston, in der ich nur zwar einen Abend verbrachte aber immerhin, unterschied sich von der ersten doch ganz gewaltig. Irgendwie war die Luft da anders, die ganzen Colleges und Universitys waren viel lauter im Atmen der Stadt, und die Häuser hatten als Kollektiv weniger das große Ganze der Geschichte aus den Augen verloren, vor der überwältigenden Größe des Moments, als mir das in New York der Fall zu sein schien.

Aber auch dieses eine Etwas, das ein Land von allen anderen unterscheidet, es in sich vereint und unverwechselbar macht, dieses Etwas ist in Falle Amerikas auch deutlicher heraus zu schmecken, als ich mir das gedacht hatte, wo doch Deutschland so voller amerikanischer Produkte und die USA so voller deutscher Immigranten ist.
Dieses Etwas jedenfalls hat für mich mit den Autos zu tun, die zumindest auf dem Land absolut überall und notwendig sind. Außerdem mit der Schule: das mit der High School, den Flaggen in jedem Zimmer, den bejubelten Sportteams mit individuellen Trikots und zahllosen Clubs, den Cafeteriamahlzeiten, wo nach dem Essen bis zum Tablet alles weggeschmissen werden kann und wird und den sonnengelben Schulbussen – das hat auch irgendwas damit zu tun.

 

 

 

Wir jedenfalls hatten viel Spaß beim Poetryworkshop, in diesem aufregend anderen Schulalltag und beim Musikprojekt, bei dem ich Hamilton, ein sehr amerikanisches Musical singen, rappen und feiern lernte.
Neben dieser Begeisterung werde ich auch einen Turnbeutel, zwei T-Shirts und eine Trinkflasche mit dem beeindruckenden Schulemblem, aus dem Rhymeworkshop sehr sehr viel übers Fühlen, Schreiben und Darstellen, dreißig neue Instagramfreunde, getrocknete Herbstblätter aus Wäldern, in denen früher Indianer gelebt haben und dieses Gefühl des Verständnisses aus einem langen Gespräch über alles mit einem Lehrer der Schule mitnehmen.
Ich war die Erste, die den Witz in dem Plakat von Pink Floyds „The Wall“ erkannt hat, das in seinem Klassenzimmer zwischen Karikaturen, Memes und Grafiken hing. Wer wird wohl der Erste sein, der die Astrid-Lindgren-Anspielung im Titel dieses Artikels erkennt?

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